Author: G. Charles Rump
Die Welt, & Berliner Morganpost, Sonnabend, 02. November 2002

Wenn Kunst wortwörtlich unter die Haut geht
Sue de Beer zeigt Fotos im Künstlerhaus Bethanien


Wer die Kunstmesse «Art Cologne» in Köln besucht, bekommt leicht den Eindruck, dass die zeitgenössische Kunst kaum Themen aufgreift, die die Gemüter der Menschen bewegen. Bei Sue de Beer ist das anders. Die New Yorkerin, Jahrgang 1973, ist Preisträgerin des Philip Morris Art Fellowship an der American Academy in Berlin und deshalb Teilnehmerin am internationalen Atelierprogramm des Künstlerhauses Bethanien. Sie zeigt in sieben großformatigen Fotoarbeiten Reflexionen über Gewalt in der Gesellschaft, nicht ohne Verweise auf so genannte Splatter Movies (exzessive Gewaltfilme) und das gesamte Horror-Genre.

Es geht aber tiefer noch - Selbstzerstörung und Verwahrlosung als Schattenseite der zeitgenössischen Erfolgsgesellschaft kommt mit ins Spiel. Da sind das blutverschmierte Bettlaken, die Spritzer des ganz besonderen Saftes an der Decke, und an der Wand ein Foto von einem Wolf. Sue de Beer veranstaltet eine Art Mysterientheater ohne Brimborium, zupackend und direkt. Da gibt es bedrohlich leere Räume, deren Leere sich in billigen Spiegeln spiegelt; Licht brennt, aber niemand ist da. Bei ihr geht die Entblößung der Frau unter die Haut und legt die Innereien frei, und die Figur zeigt dabei nur einen unbeteiligten, melancholischen Blick.

Natürlich steht dabei die Frage nach dem «Warum?» im Raum, aber sie wird nicht beantwortet. Es scheint sogar, als sei die Antwort gar nicht möglich. Zur Ausstellung präsentiert Sue de Beer ein Künstlerbuch (10 Euro), «Hans und Grete», das auf einer zur Zeit entstehenden Video-Arbeit basiert. Hans und Grete stehen für Andreas Baader und Gudrun Ensslin, die RAF-Geschichte verbindet sie mit aktueller Teenager-Gewalt in den USA. Stark.

Künstlerhaus Bethanien, Mariannenplatz 2, Kreuzberg. Bis 17.11., Mi.  -  So., 14  -  19 Uhr

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